|
Viele
erfolgreiche Musiker haben das gleiche Problem: entweder sie sind im
Ausland sehr erfolgreich, aber daheim interessiert sich kaum einer für
sie, oder sie sind im Heimatland Superstars, aber über dessen Grenzen
hinaus weitgehend unbekannt. Jimmy Barnes gehört auch dazu, denn der
Mann ist zweifelsohne einer der genialsten Sänger der Welt, hierzulande
aber relativ unbekannt. Dafür sind seine Fans aber sehr loyal und fahren
gern auch mal weit zu einem Konzert. Und in diesem Jahr war es wieder
soweit, der Australier ist in Europa zu Gast, um ein paar Konzerte zu
spielen.
Und das wollte ich mir natürlich nicht entgehen lassen. Gleich nach der
Arbeit geht es mit dem Zug nach Nürnberg, in den "Hirsch". Da gehen eine
ganze Menge Leute rein, aber als ich ankomme, sind die noch sehr
übersichtlich. Auffällig viele englischsprachige Leute geben sich die
Ehre, ob das Australier sind? Es sind Australier, wie Jimmy Barnes
später im Konzert erzählt, denn die reisen gern und trinken gern... und
waren gerade in Deutschland im Trainingslager! Bis zum Konzertbeginn hat
sich der Hirsch aber noch ganz ordentlich gefüllt, so muss das sein.
Kurz vor Beginn läuft mir ein groß aufgeschossener Mann über den Weg,
der mir irgendwoher bekannt vorkommt, ich kann ihn aber partout nicht
einordnen... Kurz vor der angesetzten Anfangszeit beginnt Elly May
Barnes das Konzert. Das ist die Tochter von Jimmy. Sie ist jetzt nicht
hochprofessionell oder routiniert, eher reichlich nervös und unsicher,
aber sie hat eine gehörige Portion Talent vom Vater mitbekommen, und das
kann man hören. Begleitet wird sie von Musikern aus der Band ihres
Vaters auf zwei Gitarren, auch gesanglich unterstützen sie die beiden,
so dass es ein kurzweiliger Auftakt wird und besonders die Australier im
Publikum sehr angetan sind.
Und dann kommt der Meister selbst... ein Musiker, der eben noch die
Gitarre bedient hat, wechselt an den Bass und dort soll er mir noch viel
Freude bereiten. Jimmy Barnes selbst ist super drauf und ein Vollprofi,
da kommt gar kein Zweifel auf. Von der ersten Minute an hat er sein
Publikum im Griff. Stimmlich absolut oben auf, konditionell auch, er
steht kaum mal eine Minute still, dabei erzählt er so beiläufig, dass er
vor kurzem eine Herz-OP hatte. Alle Achtung!
Gespielt hat er Songs von seinem neuen Album „Out in the blue“, Songs
seiner Solo-Alben und natürlich auch Titel von Cold Chisel. Ein
Highlight war der Titel „Good Times“ der Easybeats, den Jimmy mal
gemeinsam mit INXS aufgenommen hat, und sein Hit „Khe Sanh“
durfte natürlich auch nicht fehlen. Seine Band besteht aus großartigen
Musikern, die nicht nur ihr Instrument beherrschen, sondern auch
ausnahmslos alle singen können. Am Schlagzeug sitzt sein Sohn Jäcki und
seine Tocher Elly May singt im Background, aber auch ein Duett gemeinsam
mit ihrem Vater. Am Bass James Gillard, wie schon erwähnt, der hat mir
viel Freude bereitet. Ich habe selten jemanden mit so einer Freude Bass
spielen sehen, dazu hatte er die ganze Zeit ein erfrischendes herzliches
Lachen im Gesicht, dass es richtig Spaß gemacht hat, ihm zuzusehen, er
hat unheimlichen Schwung auf die Bühne gebracht, der auch das Publikum
angesteckt hat.
Nach knapp zwei Stunden war dann erstmal Schluss, aber die Zuschauer
waren so in Fahrt, dass sie lautstark Zugaben gefordert haben, und
natürlich auch bekommen haben. Nachdem Jimmy seine Band vorgestellt hat
und jeder einen Part singen durfte, hat er einen Freund aus Deutschland
angekündigt, mit dem er schon gemeinsam aufgenommen hat: Carl Carlton.
Als er den Namen ausgesprochen hatte, fiel mir natürlich sofort ein, wer
der großgewachsene Mann war, der mir zu Beginn über den Weg gelaufen
war... nämlich Carl Carlton!
Dieser griff sich jetzt seine Telecaster und legte los. Jetzt waren auf
der Bühne drei Fender Gitarren plus ein Fender Precision Bass, ein
unbeschreiblicher Klang!
Zum krönenden Abschluss betritt Carls Sohn Max die Bühne, der sich ja
auch schon seine Sporen im Musikgeschäft verdient hat. Max ist ähnlich
groß wie sein Vater, die beiden überragen die gesamte Band! Max singt
jetzt im Duett mit Jimmy den Rausschmeißer „Goodbye (Astrid Goodbye)“,
und zwar so, als ob sie im Leben nie was anderes gemacht hätten! Absolut
großartig! Und meine Entscheidung stand, das wollte ich gerne in München
noch mal erleben!
Also habe ich mich eine Woche später nach Feierabend über die Autobahn
nach München gequält, um in der Alabamahalle ein wesentlich
zahlreicheres Publikum vorzufinden. Klasse, es gibt also doch genug Fans
in Deutschland!
Wieder hat seine Tochter den Abend eröffnet, sie war aber noch nervöser
als in Nürnberg, diesmal wollte der Funken nicht so richtig
überspringen, lag aber vielleicht auch an den fehlenden Australiern.
Jimmy war wie erwartet grandios drauf, das Publikum ging sofort richtig
ab. James Gillard wirbelte noch mehr über die Bühne, ich konnte mich gar
nicht satt sehen. Die Setlist umfasste im Wesentlichen die gleichen
Titel wie in Nürnberg, jedoch in einer anderen Reihenfolge, so dass es
nicht langweilig wurde. Genauso großartig wie in Nürnberg habe ich
erneut ein Spitzenkonzert erlebt, mein absolutes Highlight in diesem
Jahr. Carl Carlton war in München nicht mit dabei, was aber dem Finale
auf der Bühne keinen Abbruch tat.
Wer dabei war, wird es bestätigen können: hier war ein ganz Großer am
Start, von dem sich viele andere was abgucken können. Wer nur wenige
Monate nach einer Herz-Operation solche Shows hinlegen kann, der gehört
in die Top-Riege der großartigen Musiker, kein Zweifel. |