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MTS, das ist Liedkabarett aus
der DDR, aber dennoch aktuell wie eh und je. Vor ihrem Auftritt in der
Altenburger Brauerei habe ich mit ihnen folgendes öffentliche Interview
geführt:
Hallo Thomas
Thomas Schmitt: Schönen guten Abend, Hallo...
Thomas, MTS das steht ja für "Mut, Tatendrang und Schönheit"...
T.S.: Das sieht man ja wohl!
....es heißt aber auch "Makaber, Taktlos, aber Sauber" oder "Männlich,
Temperamentvoll und Schnuckelig". Welche Bedeutung hat es denn noch?
T.S.: Naja, wir haben uns vorgenommen, dass wir solange machen bis
wir "Mäkelig, Tuttlig und Senil" sind. Im übrigen heißt es ja heute in der
weltweit vernetzten Zeit "Mehlen, Tschätten, Sörfen".
Mit welchem Hintergrund habt ihr damals 1973 die Gruppe gegründet?
T.S.: Wir wollten dringend auf die Bühne und wir verstanden uns
sehr gut und haben gedacht, wir drei könnten gut was zusammen machen.
Und in welche Richtung wolltet ihr gehen? War das klar, dass ihr mehr
in die witzige Richtung gehen wollt, oder habt ihr ein bisschen
rumexperimentiert?
T.S.: Als wir die Gruppe gegründet haben, war das schon sehr klar.
Also ich darf vielleicht ein bisschen ausholen. Der Gitarrist, der
Herbert, und ich haben angefangen. Und zwar hat uns ein Kanadier
zusammengebracht. Der Neffe von Perry Friedman. Perry Friedman wird den
Älteren noch was sagen, das war der kanadische Banjospieler, der lange
Zeit in der DDR gelebt hatte. Dessen Neffe ging hier zur Schule und hat
uns zusammengebracht. Da haben wohl damals schon die Jungs von der FDJ
gedacht, dass da der Klassenfeind dahinter stecken muss. Und da haben wir
erst mal so nordamerikanische Folklore gemacht, Bob Dylan, Peter Paul &
Mary und so was, und dann ist der Kanadier zurück nach Kanada und wir
standen alleine hier und haben dann angefangen, deutsche Sachen zu machen.
Dann ging's sehr schnell in die lustige Richtung.
Die Band war auch zeitweise als Quartett und Quintett unterwegs. Wer
waren denn die anderen Musiker, die die Band damals erweitert haben?
T.S.: Die kennt sowieso kein Aas. Das würde vielleicht zu weit
führen. Jedenfalls haben wir zu dritt angefangen, dann kam recht schnell
der Banjospieler dazu, der ist vom Oktoberklub zu uns übergelaufen. Dann
kam als fünfter ein Geiger, der war nur ein Vierteljahr dabei und ist dann
zu Karls Enkel gegangen. Stefan Körbel kennt man vielleicht. Die Leute,
die sich mit Liedermachern beschäftigen, kennen noch Stefan Körbel. Und
dann ist der Banjospieler auch bald wieder ausgestiegen, und ab 1976 waren
wir dann wieder zu dritt.
Die anderen sind also ausgestiegen und deshalb habt ihr dann wieder als
Trio weitergemacht?
T.S.: Wir sind ja übriggeblieben.
Und gab es denn Bestrebungen, die Band noch mal aufzustocken?
T.S.: Nein. Es gab keine Bestrebungen die Band zu erweitern. Das
hat sich eben so ergeben, und in der Dreiersache haben wir uns dann sehr
wohl gefühlt und haben gemeint, dass wir da jetzt nicht noch jemand
brauchen. D.h. es kam dann ja doch noch einer. Wir hatten einen Techniker,
der mitgefahren ist. Da waren wir dann doch wieder zu viert.
Als ihr für eine brasilianische oder spanische Gruppe eingesprungen
seid, die abgesagt hatte, habt ihr damals im Friedrichstadtpalast für sehr
erstaunte Gesichter gesorgt, weil man euch nach eurer Zulassung gefragt
hat...
T.S.: Das ist richtig. Normalerweise konnte man in der DDR nicht
auf die Bühne gehen und Musik machen, wenn man nicht eine Ausbildung hatte
und die dazugehörige Zulassung. Man musste vor einer Kommission
vorspielen, hat dann die Zulassung bekommen und wurde damit zum Betreten
der Bühne zugelassen. Und wir hatten so was nicht. Wir hatten sehr viel
Glück. Wir haben einfach drauf los gespielt, und damals hat man
Händeringend nach Leuten gesucht, die Humor machen. Das war sehr knapp,
sehr eng dieses Feld, und wir haben auch später begriffen warum das so
war, denn die Herren, die das Land angeführt haben, die hatten nicht viel
davon, um nicht zu sagen gar nichts, und am wenigsten konnten sie über
sich selbst Lachen. Und da ist man dann natürlich sehr schnell ins ein
oder andere Fettnäpfchen getreten. So kam es also, dass wir am Anfang sehr
schnell erfolgreich waren, überall im Rundfunk und im Fernsehen waren, und
uns niemand nach so einer Erlaubnis gefragt hat... und plötzlich ist es
halt aufgeflogen. Wir wussten gar nicht, dass man so was braucht. Dann
haben wir diese Zulassung posthum erledigt. Wir haben also ein Vorspiel
gemacht, und dann sollten wir uns noch mal umbenennen, weil die Genossen
eben zu Unrecht mutmaßten, dass wir die volkseigenen Bauern mit dem Namen
MTS vergackeiern, der ja in der DDR eine große Bedeutung hatte. Die
Älteren wissen's noch: "Maschinen-Traktoren-Station". Und wir kamen auf
den Namen, weil unser Namen Melzer, Treichel und Schmitt lauten. Das war
also nur die Abkürzung der Nachnamen. Die Begründung war uns dann aber zu
langweilig, deshalb haben wir dann unsere besten Eigenschaften da mit
reingelegt.
Ihr habt dann also für diesen Auftritt vor Ort noch eine Zulassung
erworben? T.S.: Nein, vor Ort nicht. Wir mussten dann einen
Monat später das Vorspiel machen, haben dann die Zulassung bekommen und
sind danach entlohnt worden.
Aber im Friedrichstadtpalast konntet ihr trotzdem spielen?
T.S.: Da waren wir jetzt lange nicht mehr. Das war übrigens noch im
alten Friedrichstadtpalast, der war sowieso viel schöner als der neue.
Wenn man wie ihr lustige Texte schreibt, aber in einem Land lebt, in
dem man die Dinge nicht direkt beim Namen nennen kann, sondern öfters
zwischen den Zeilen schreiben muss, dann hat man ein Problem...
T.S.: Das war aber auch eine sehr gute Schule, dass man genötigt
war die Sachen etwas zu verklausulieren oder zu fabulieren, denn ich finde
das ist heute etwas verloren gegangen, wo alle ihre Meinung sagen können,
ohne dass was passiert. Das ist ja langweilig die Politiker zu
beschimpfen. Entweder wissen sie's sowieso alle oder der Politiker hat es
eh nicht verdient, genannt zu werden. Also was soll das? Es ist doch viel
interessanter, wenn man ein bisschen zwischen den Zeilen schreibt, und die
Leute selber ein bisschen nachdenken. Dann haben sie auch mehr Spaß dabei.
Und wie sehr wart ihr von dieser Zensur betroffen?
T.S.: Genauso wie alle anderen, mehr oder weniger... eigentlich
gab's nur Ärger, wenn's darum ging im Fernsehen aufzutreten. Wenn's also
eine größere Sache war, oder bei Schallplattenproduktionen. Aber davon
hatten wir ja auch nicht allzu viele. Da wurde dann schon ziemlich auf die
Texte geschaut. Ansonsten konnte man so ziemlich machen was man wollte.
Auch euer Hit "Tamara" fiel der Zensur zum Opfer, und ihr konntet ihn
am Anfang beim Rundfunk nicht produzieren.
T.S.: Wir haben ihn produziert, der wurde aber nicht für die
Sendung zugelassen und später haben wir ihn auf die Schallplatte gebracht,
und der Rundfunk hat dann die Schallplattenaufnahme gesendet. So haben die
sich manchmal selber ausgetrickst.
Woher kam dann dieser Sinneswandel, dass AMIGA den Titel dann doch
produziert hat?
T.S.: Da haben ja praktisch andere jetzt die Verantwortung
übernommen. Andere haben die Entscheidung getroffen, und damit waren die
Jungs beim Rundfunk fein raus.
Hattet ihr auch Probleme mit Auftrittsverboten?
T.S.: Nicht direkt. Wir hatten mal den falschen Witz bei der
richtigen Veranstaltung erzählt, und da hatten wir dann plötzlich ein paar
Absagen von FDJ-Klubs, die dann plötzlich renoviert wurden oder einen
Wasserrohrbruch hatten. Das häufte sich und ging so etwa ein halbes Jahr,
und dann waren wir nicht mehr in den Medien. Wir hatten kein Fernsehen
mehr, kein Rundfunk und ewig keine Platte, aber wir waren immer unterwegs,
der Buschfunk hat funktioniert und die Läden waren voll.
Im Jahre 1977 ist eure erste LP mit dem Titel "Mut, Tatendrang und
Schönheit" erschienen, wurde aber bereits im Vorjahr in Weimar im
Kasseturm live aufgezeichnet. Nach meinen Recherchen war das die erste
Live-LP in der DDR überhaupt. Wie kam es denn dazu?
T.S.: War das wirklich die erste? Was anderes hätten wir uns aber
auch nicht vorstellen können, weil unser Vortrag ist ja auch.... also die
Ansagen zwischen den Liedern sind ja quasi gleichbedeutend mit den
Liedern. Das gehört ja unbedingt mit dazu.
Mit welchen Mitteln wurde das damals Live mitgeschnitten?
T.S.: Wir waren das nicht. Das hat die Schallplattenfirma selbst
gemacht. Allerdings auf dem niedrigsten Niveau auf Schnürsenkeln. Man
konnte nachher nix mischen. Schnürsenkel heißt so normales
Zwei-Spur-Tonband.
Die Platte verschwand dann aber recht bald wieder vom Markt. Warum das?
T.S.: Das lag an einem Zitat von Lothar Kusche, das wir benutzt
haben. Das Zitat lautete "Gegenüber Herbert Roth zeichnen sich
Gartenzwerge aus, dass sie nicht singen". Und dieses Zitat führte dann
dazu, dass die Platte nicht mehr aufgelegt wurde. Wir hatten keine Ahnung
davon. Wir haben davon erst nach der Wende erfahren. Wir haben nur gehört,
es wäre kein Bedarf und die Platte wolle niemand kaufen. Wir haben aber
unterwegs von den Leuten gehört, dass es unsere Platte nicht zu kaufen
gibt, aber den Grund hat uns damals niemand genannt.
Später, 1984, stieß ein bis dahin schon sehr erfolgreiches neues
Mitglied zur Band nämlich Mike Schafmeier. Wie kam es denn dazu, dass der
ehemalige Silly-Schlagzeuger bei euch einstieg?
T.S.: Er war eben plötzlich frei. Wir kannten uns ja schon, wir
waren gut befreundet.
Mike, was waren denn die Gründe für Dich Silly zu verlassen?
Mike Schafmeier: Ich bin rausgeflogen. Tamara hat einen nach dem
anderen Original-Silly rausgekanntet.
Ganz am Anfang deiner musikalischen Laufbahn wurdest Du einmal während
eines Schlagzeugsolos von der Bühne gezogen, mit der Begründung, Du
hättest ein westdeutsches Schlagzeugsolo gespielt. Was hat es denn damit
auf sich?
M.S.: Es war ein Parteimensch, und ich weiß nicht was der sich
dabei gedacht hat. Ein Solo kommt doch eigentlich intuitiv aus dem Bauch
und dem Herz.... Er wollte wahrscheinlich ein bisschen auf die Kacke
hauen, und das war's dann. Der hat mich richtig weggezerrt. Übrigens hat
man den unten abgefangen, die Fans haben ihm dann auf's Maul gehauen und
eine Pulle Schnaps übergegossen und...
T.S.: Und angezündet?
M.S.: Nee, die haben dann einen Arzt geholt: "Hier liegt ein
Besoffener".
T.S.: Na dann seid ihr doch quitt...
Wie hat er denn ein westdeutsches Schlagzeugsolo überhaupt definiert?
M.S.: Das wusste er nicht. Er hat's nicht definiert, er hat's
behauptet. So wie alles bei uns behauptet wurde damals.
Im Jahre 1986 seid ihr mit der Gruppe Possenspiel zusammen auf Tour
gewesen. Als Resultat daraus ist eure zweite LP "Erste komische
Interessengemeinschaft" entstanden. Auch dies ist eine Live-LP. Wie kam es
denn zu der Zusammenarbeit und zu der LP? T.S.: Also das war
ein bisschen anders. Die Tour haben wir erst danach gemacht. Und zwar gab
es die Idee eine Schallplatte mit mehreren lustigen Leuten zu machen.
Zuletzt war Reggae Play im Gespräch, Possenspiel und wir. Uns wollte man
damals noch keine ganze Langspielplatte zumuten, Possenspiel hatte noch
nicht genug Material. So ähnlich war das, glaub ich, bei Reggae Play. Die
wollten eine eigene Platte machen. Haben sie dann, glaub ich, ein Jahr
später auch gemacht, und wir übrigen haben uns dann zusammengerauft. Wir
kannten uns nur vom "Guten Tag und auf Wiedersehen" nachts an der
Raststätte. Und das war ganz lustig. Wir haben uns ganz gut verstanden,
und dann aus dieser Not nicht eine Tugend, sondern diese Platte gemacht.
Wir haben uns aber vorgenommen, auch ein bisschen was gemeinsam zu machen.
Und am Schluss haben wir ja noch ein Lied zusammen gespielt.
Zwischen den beiden Platten liegen ja ungefähr 10 Jahre. Wie hat sich
denn die Mitschnitttechnik in der Zeit geändert?
T.S.: Die hat sich international geändert. Aber als damals mit
Possenspiel mitgeschnitten wurde, hat das der Rundfunk produziert, die ein
weitaus strengeres Lektorat hatten, weshalb auch einige Lieder dabei
rausgeflogen sind. Und: die haben wieder auf'm Schnürsenkel
mitgeschnitten.
Also im Prinzip keine Verbesserung?
T.S.: Vom Material her nicht.
Herbert, Du hast dich bereits 1984 zu Forschungszwecken auf die andere
Seite des antikapitalistischen Schutzwalls begeben. Hast Du da die
Entwicklung von MTS weiterverfolgen können?
Herbert Treichel: Ja sicher. So gut man es eben konnte. Und es gab
ja auch die schöne Stadt Prag, wo man sich mal treffen konnte und so was
alles...
Wie habt ihr die Wendejahre erlebt?
T.S.: Per Zufall. Mich hat jemand angerufen und gesagt "Die Mauer
ist offen". Ich sagte "Na schönen Dank auch, trinken wir noch'n bisschen
und dann ist gut".
Nach der Wende hattet ihr's ja ein bisschen schwer...
H.T.: Was heißt schwer? Wir wollten wieder anfangen, wir wollten
wieder was machen, aber es gab ja nix mehr. Die ganzen Veranstalter waren
weg, dann seid ihr, das Publikum, uns weggerannt... wisster noch (fragt
das Publikum)? Alle auf Mallorca und wo sonst noch überall... Irgendwann
haben sich dann wieder Leute gefunden, die Veranstaltungen gemacht haben.
Dann ging's so langsam wieder los.
Wie erklärt ihr euch, dass der Erfolg Mitte der 90er dann plötzlich
wiederkam?
T.S.: Das ist ganz schwer zu erklären. Das kann eigentlich nur
daran liegen, dass wir so gut sind.
Nach der Wende konntet ihr dann ja eure Texte ganz unverblümt
schreiben...
H.T.: Unverblümt schreiben konnten wir ja immer schon, bloß dass
dann eben ein paar Sachen rausgeflogen sind. Wir haben eigentlich nie
wirklich ein Blatt vor den Mund genommen. Da muss man sagen, hatten wir
auch ein bisschen Glück.
Habt ihr eure Themenwahl später geändert?
H.T.: Themenwahl war eigentlich immer aktuelle Sachen, die so um
einen herum passieren. In der DDR und später dann logischerweise auch.
T.S.: Wir haben uns doch eigentlich immer nur über die menschlichen
Schwächen lustig gemacht, und der Mensch ist doch derselbe Dussel wie
früher geblieben.
In den letzten Jahren seid ihr teilweise nur als Duo aufgetreten, da
Mike sich für Recherchen über das Gesundheitssystem zur Verfügung gestellt
hatte. Was war denn Ergebnis dieser Recherchearbeiten?
T.S.: Er ist wieder gesund!
Thomas, Du hast dich auch eine zeitlang auf einem anderen Gebiet
versucht. Du hattest eine eigene Radiosendung "Schmittelwelle" bei
rockradio.de. Wie kam es dazu, und was ist daraus geworden?
T.S.: Ich hatte halt das Angebot... die Leute von Rockradio haben
einen Verein gegründet, in den ich dann auch eingetreten bin. Und dann
haben sie gesagt, ich könnte eine Sendung machen und spielen was ich will.
Dann hab ich ein Jahr lang einmal im Monat zwei Stunden Sendung gemacht,
und gespielt was ich will. Dann fiel mir nichts mehr ein was ich spielen
soll, und ich hab die Sendung sterben lassen. Ich bin aber nach wie vor in
dem Verein und kann den Sender nach wie vor empfehlen: www.rockradio.de.
Kann man mal im Internet schauen, da gibt's schöne Musik.... a propos
schöne Musik... ich würde sagen wir machen jetzt mal ein bisschen was.
Vielen Dank für das Gespräch!
http://www.gruppe-mts.de/
Interview und Vorbereitung: Nadja Notzke, Wolfram Schenck |