Seine ersten musikalischen Schritte machte
er bei der Gruppe "Neue Generation", später dann bei "Neumis Rock Circus"
und "Datzu".
Heute ist er bekannt als Komponist von zahlreichen Filmmusiken für
Spielfilme und bekannte Fernsehserien. Auch am Projekt Ostrock Klassik ist
er nicht ganz unbeteiligt ...
Hallo Rainer, danke, dass du zwischen deiner Arbeit Zeit für uns
gefunden hast. Zurzeit steckst du ja mitten in den Vorbereitungen für das
diesjährige Ostrock in Klassik, wie geht es voran?
Ja, es geht gut voran. Ich habe mich mittlerweile mit den beiden neuen
Mitgliedern getroffen, die dort mitmachen. Das sind Dirk Zöllner und IC
Falkenberg. Sie haben beide ihre Songs hier im Studio bei mir eingespielt,
und jetzt werde ich das Orchester dazu arrangieren. Ende Mai werden wir
ein paar Proben dazu machen, und dann suchen wir noch ein Stück, was wir
gemeinsam singen können, sozusagen was dann vom Orchester und den
einzelnen Solisten aufgeführt werden soll.
Fangen wir mal am Anfang an: du hast an der Musikschule "Hanns Eisler"
Klavier, Komposition und Tonsatz studiert, später dann an der TU Dresden
Elektronik und Raumakkustik...
Das ist nicht ganz richtig, andersrum: Ich habe erst Messtechnik und
Raumakkustik studiert und dann an der Musikhochschule Musik.
...hat es dich damals schon mehr in Richtung Produktion gezogen?
Ne, eigentlich nicht. Ich hab' ja auch Komposition studiert, wollte immer
in die Richtung Komposition. Ich hatte dann ja auch eigene Bands und habe
mit denen eigene Kompositionen aufgeführt. Das mit der Produktion hat sich
dann dadurch ergeben, dass ich angefangen habe, auch für andere Leute zu
arbeiten, habe Arrangements gemacht und andere Gruppen geführt, die als
Begleitbands unterwegs waren. Dadurch hat sich das dann fließend ergeben.
Ich habe mich dann immer mehr für Studiotechnik interessiert, und für das
Produzieren über das Arrangement eigentlich. Dadurch hat sich das dann in
diese Richtung entwickelt.
1977 bist du als Keyboarder bei der Gruppe "Neue Generation"
eingestiegen, war das deine erste Band?
Ja, das war meine erste Band, weil ich ja bis 1978 noch an der Technischen
Universität in Dresden studiert habe.
Im Jahre 1979 hat die Amiga eine LP von "Neue Generation"
herausgebracht, warst du damals schon an der Produktion beteiligt?
Ja, da war ich schon mit dabei, und da habe ich sogar ein Stück mit drauf,
"Sie ist wie Wind", der ist von mir.
Im gleichen Jahr, 1979, löste sich die Gruppe auf, und du hast dich mit
einigen Mitgliedern und Hans-Joachim Neumann zusammengeschlossen, um die
Gruppe "Neumis Rock Circus" zu gründen. Kann die Band als Nachfolgegruppe
von "Neue Generation" angesehen werden?
Im weitesten Sinne schon, weil die gesamte Band am Anfang Neumi als Sänger
dazu nahm, aber das ging eben nur drei Monate gut, dann hat sich die Band
eigentlich neu formiert.
"Neumis Rock Circus" hat 1981 die erste und einzige Langspielplatte
veröffentlicht, produziert von dir. Das war ja nicht üblich, dass
Bandmitglieder die Produktion übernahmen, wie kam es dazu?
Das ist jetzt nicht ganz richtig formuliert, denn eigentlich haben wir
alle zusammen die Platte produziert. Und den Begriff "Produktion" gab es
im Osten ja gar nicht. Man hat damals Arrangements gemacht... man hat sich
sozusagen überlegt, wie das Ding klingen sollte. Der von der Amiga
bestellte Produzent hatte inhaltlich eigentlich wenig zu sagen und wenig
Anteil daran, was dann auf Platte kam. Der suchte nur die Stücke aus und
ließ die Bands mehr oder weniger ihre Arrangements machen. Insofern waren
das immer Kollektivprodukte von allen Beteiligten. Jeder dachte sich was
zum jeweiligen Lied aus, jeder probierte etwas, und so entstanden diese
Produktionen in gemeinschaftlicher Arbeit der Bands. Das war damals
eigentlich allgemein üblich, bei fast allen Bands. Dennoch gab es auch
Ausnahmen, wie z.B. Karat, wo das künstlerische fest in der Hand von Ed
Swillms lag.
Wie waren die Produktionsbedingungen zu der Zeit?
Die Bedingungen waren damals für uns denkbar schlecht. Die Platte von
Neumis Rock Circus war z.B. ein Sammelsurium von Titeln, die an
unterschiedlichen Plätzen aufgenommen wurden. Einerseits im Berliner
Rundfunk, und einen Titel hatten wir sogar privat in einem kleinen
Privatstudio beim damaligen Schlagzeuger der Puhdys aufgenommen. Diese
Nummer haben wir dann noch mal gemacht,... das war der Clown, die
bekannteste Nummer von Neumis Rock Circus. Und so kam auf die Platte dann
ein Sammelsurium von an unterschiedlichsten Produktionsstätten
hergestellten Liedern. Wir hatten eigentlich nicht die Möglichkeit, alle
Titel in einem inhaltlichen Guss bei Amiga aufzunehmen, sondern wir waren
da in mehreren Studios zu Gange, und das im Verlauf von knapp drei Jahren.
Neumi hatte einen Ausreiseantrag gestellt und verließ 1983 die DDR, was
das Ende der Band bedeutete.
Wir haben uns 1984 aufgelöst und Neumi hat dann 1986 das Land verlassen.
Er hat den Ausreiseantrag 1984 gestellt und daraufhin lösten wir uns dann
auf.
Ihr habt als Band also vorher davon gewusst?
Ja klar.
Hast du dich selbst mit diesem Gedanken getragen?
Ich hatte nie den Gedanken, ins Ausland zu gehen, weil ich ja schon von
allen wusste, die ins Ausland gingen, denn ich kannte ja Kollegen, die ins
Ausland gegangen sind, dass die ja letztlich ihre Heimat verloren haben,
ihre Freunde und Familie und eigentlich niemals so richtig die Möglichkeit
hatten, zurückzukehren. Und da hatte ich große Angst vor, weil ich hier ja
schon sehr basiert war, ich schon einen Sohn und eine Familie hatte. Ich
wollte einfach nicht sämtliche Türen hinter mir zuschlagen. Ich wäre
wahrscheinlich im Westen völlig vereinsamt, und dazu hatte ich keinen
Bock.
Das ist verständlich...
Ich sag's mal so: viele haben mich ja gefragt, warum wir damals nicht in
den Westen gegangen sind. Aber wenn man den Gedanken mal konsequent bis zu
Ende denkt, dann würde in Sibirien kein Mensch mehr wohnen.
Ein Jahr später hast du dann deine eigene Band gegründet: "Datzu". "Neumis
Rock Circus" war ja eher humoristisch ausgelegt, welche musikalische
Richtung wolltest du mit "Datzu" einschlagen?
Naja, da gab es eigentlich zwei Sachen. Zum einen war Neumi ja ein
unglaublicher Frontmann, der sehr stark war. Zur damaligen Zeit war das
natürlich ein Ausnahmetalent. Jetzt hatte ich danach natürlich das
Problem, eine Band zu gründen, für die man wieder so einen starken
Frontmann bekommt. Die guten Leute waren natürlich an andere Bands
gebunden. Eine neue Band mit einem guten Frontmann anzufangen war sehr
schwierig. Und dann hatten wir bei Rockpalast mal 'ne Band gesehen, die
hieß "Kid Creole and the Coconuts". Da dachten wir, dass das vielleicht ne
Richtung wäre,... bisschen funkige Musik zu machen mit zwei Frontleuten,
einer Frau und einem Mann, die eigentlich vorne so showmäßig ein bisschen
einen Unterhaltungscharakter haben. Meine Überlegung war, so eine Art
Show-Funk-Band zu machen, das war die Absicht. Das hat sich mehr oder
weniger realisiert, da kann man heute drüber streiten, ob sich das so
realisiert hat, wie wir uns das vorgestellt haben, aber zumindest war das
die Absicht.
"Datzu" hatte ja drei Sängerinnen, Ines Paulke, Anke Schenker und Anett
Kölpin, die ersten beiden haben nach "Datzu" eine erfolgreiche
Solokarriere begonnen. War die Band quasi das Sprungbrett dazu?
Das kann ich so nicht beurteilen. Ich glaube, dass die beiden Sängerinnen
sehr talentiert waren, und dass wir sie vielleicht ein Stück bei der
Ausarbeitung ihres Talents begleitet haben. Das heißt, in der Zeit, wo sie
bei Datzu waren, konnten sie natürlich reifen und hatten die Möglichkeit,
dann nach der Datzu-Band als gereifte Künstlerinnen solo Karriere zu
machen. Ob das jetzt das Sprungbrett war...?! Es passte einfach zeitlich
gut zusammen.
Unter dem Namen "Nanu" seit ihr als Begleitband für Frank Schöbel
aufgetreten, wie kam es zu der Zusammenarbeit?
Das hing damit zusammen, dass ich ja Frank Schöbel schon sehr früh
kennengelernt habe, und zwar genau 1983 mit Neumis Rock Circus, als wir
beim Schlager-Festival in Dresden teilgenommen haben, wo wir damals auch
alle Preise gewonnen haben. Ich hab ihn da kennen gelernt, wir haben uns
angefreundet, und ich fing an, für ihn zu produzieren, zu arrangieren und
auch Titel zu schreiben. Irgendwann kam dann der Gedanke auf, man sollte
doch eine neue Band machen. Er hatte damals keine Band und wollte nur mit
einer neuen Band auf Tour gehen. Ich habe gesagt, ich würde es gerne
machen, aber ich kann nicht gleichzeitig in zwei Bands spielen, sondern
man müsste dazu irgendwie eine Band haben, weil das sonst nicht zu
organisieren ist. So entstand dann, dass man das Management teilt - das
war der Rolf Henning damals -, dass man beide Bands gemeinsam managt und
dass man unter einem anderen Namen diese Band zur Begleitband von Frank
Schöbel macht. Und so ist das entstanden. Eigentlich aus einem ganz
praktischen Hintergrund.
Handelte es sich dabei um die gleiche Besetzung, also auch mit
Sängerin?
Nein, die Sängerin war da nicht mit dabei. Wir wollten nicht, dass es da
zu einer Vermischung kommt, und die Solisten von Datzu nur im Background
stehen. Deshalb haben wir das getrennt.
Im Jahre 1985 hast du für Frank Schöbel sein Weihnachtsalbum
"Weihnachten in Familie" produziert, wahrscheinlich einer der
Weihnachtsklassiker der DDR überhaupt. War das ein Ergebnis dieser
Zusammenarbeit?
Diese Information ist so nicht richtig, denn das hat Uli Mann gemacht. Das
habe ich nicht produziert. Ich hab das damals blöderweise abgelehnt, es zu
machen. Das war ja auch vor meinem Musikstudium, und ich fühlte mich
damals noch nicht inhaltlich dazu in der Lage, diese Aufgabe zu stemmen,
weil ich dachte, das Ganze sollte sehr klassisch und auf eine sehr
weihnachtliche Art produziert werden. Ich fühlte mich damals noch nicht
reif genug, solch eine Produktion durchzuführen. Letztlich hab ich aber
als Musiker auf der Platte viel eingespielt, und dann habe ich es doch ein
wenig bereut, es nicht gemacht zu haben.
Hat diese Parallelband Deine eigentliche Band "Datzu" weiter gebracht?
Nein! Wenn man das aus heutiger Sicht sieht, hat es uns wirklich nicht
weiter gebracht.
Nach dem Weggang von Ines Paulke hat sich die sonstige Besetzung auch
geändert. Unter anderem kam Ingo Politz dazu, der auch schon bei "Neumis
Rock Circus" gespielt hat, und heute ebenfalls ein erfolgreicher Produzent
ist. Habt ihr euch gegenseitig beeinflusst im Hinblick auf eure heutige
Produzententätigkeit?
Also ich denke schon. Ganz sicher, weil wir haben ja sehr viel Zeit und
musikalisch gesehen unsere wilden Jahre, unsere Jugendjahre, miteinander
verbracht, und haben musikalisch einen sehr ähnlichen Geschmack aufgebaut.
Wir haben ja vier oder fünf Jahre in einer Band zusammen gespielt und dann
auch bei Datzu. Ich denke schon, dass wir uns gegenseitig sehr beeinflusst
haben, wobei Ingo natürlich ein völlig anderer Mensch ist und jetzt im
Laufe der Jahre eine andere Richtung eingeschlagen hat. Aber wir sind gut
befreundet und ich akzeptiere, was er da tut.
1989 ist von "Datzu" die LP "Bist du noch wach" erschienen, hatten sich
die Produktionsbedingungen in der Zwischenzeit geändert?
Ja, die haben sich massiv geändert. Wir hatten z.B. zu dieser Produktion
von "Bist du noch wach" die Möglichkeit, alles in einem Zuge, mit einem
künstlerischen Bogen, zu produzieren; und wir haben damals auch die
Möglichkeit gehabt, ein paar Stücke in einem Privatstudio aufzunehmen, was
für die ehemalige DDR ein Novum war, dass man in Privatstudios produzieren
konnte. Das war damals bei Klaus Schmidt, der ein eigenes Privatstudio
hatte (siehe auch unsere Rubrik "Zeitzeuge", Anm. d. Red.), und da hatten
wir sehr viel Zeit und sehr viele Möglichkeiten, uns kreativ
auszuprobieren und ohne Zeitdruck kreativ zu produzieren. Zeitdruck, der
ja damals im Osten herrschte, da man ja eine Studiozeit gebucht hatte. In
der Zeit konnte man arbeiten, und im Privatstudio konnte man eben viel
länger an bestimmten Sachen fummeln. Wir mussten ja auch erstmal unsere
Erfahrungen sammeln.
Ebenfalls 1989 hat sich "Datzu" aufgelöst. Ist das in Folge des
Wendegeschehens passiert oder hatte es andere Gründe?
Ich habe ja schon ein Jahr vorher die Band verlassen, weil ich mich
eigentlich mehr der Filmmusik und Produktionen widmen wollte, und das
Bandgeschehen als solches nicht mehr mein Interesse war. Ich wollte mehr
mich selbst künstlerisch weiter entwickeln, weiter verwirklichen... und da
hat mich dann das Interesse an der Band verlassen. Die Band existierte
dann noch ein Jahr weiter, Ingo Politz hatte dann die künstlerische
Leitung übernommen und ich glaube, während der Wende hat dann alle
irgendwie die Lust verlassen, oder sie haben sich dann aufgrund der Wende
aufgelöst, das weiß ich nicht mehr ganz genau, weil ich da selbst schon
weg war.
Seitdem bist du erfolgreich als Produzent tätig. Wann kam für dich der
Punkt, an dem du das Musikerdasein an den Nagel gehängt hast und nur noch
als Produzent tätig sein wolltest?
Das ist nicht ganz richtig, weil ich eigentlich mehr Filmkomponist als
Produzent bin. Ich arbeite seit 1992 hauptsächlich in der
Filmmusikindustrie, produziere und komponiere seitdem Filmmusik und bin da
natürlich massiv als Musiker unterwegs, weil ich ja viele Sachen in meinem
eigenen Studio auch aufnehme, einspiele, produziere und hier zusammenbaue.
Als Produzent bin ich eigentlich ganz selten unterwegs, eigentlich jetzt
erst wieder bei Ostrock in Klassik und bei den beiden Puhdys-Platten.
Einmal die Weihnachtsplatte und die "40 Jahre Puhdys", die jetzt
erscheinen wird. Die produziere ich beide. Aber meine Haupttätigkeit ist
eigentlich die des Filmkomponisten. Ich war auch Mitte der 90er Jahre im
Trio mit Angelika Weiz und René Decker als Musiker unterwegs. Wir haben
viele Konzerte gemacht, und jetzt bin ich eben mit Ostrock in Klassik als
Musiker unterwegs, und mit den Puhdys und auch mit Günther Fischer.
Insofern ist meine Produzententätigkeit nicht meine Haupttätigkeit.
Was war für dich der Grund, hauptsächlich Filmmusiken zu machen?
Ich habe ja 1979 schon mal Filmmusik gemacht, und ich fühlte mich zur
dramaturgischen Musik immer hingezogen. Mir hat das schon immer großen
Spaß gemacht. Ich habe - wie gesagt - 1979 meine erste Filmmusik gemacht,
das hat sich dann über die Jahre immer mehr entwickelt und verdichtet und
1989/1990 konnte ich dann davon leben. Da wurden die Aufträge immer mehr
und ich fing dann 1991 an, hauptsächlich davon zu leben. Dann habe ich
1994 noch die zweite Weihnachtsplatte von Frank Schöbel produziert, die
hieß "Fröhliche Weihnachten in Familie", 1994 habe ich die Kürmusik für
Katharina Witt für die Olympiade in Lillehammer komponiert und produziert.
So hat sich das dann entwickelt.
Wie schwer war es, in der Nachwendezeit Fuß zu fassen, und wie hast du
damals Aufträge für Produktionen und Kompositionen bekommen?
Ich hab sehr viel Glück gehabt, muss ich sagen. Ich habe damals schon
viele Verbindungen und Freundschaften gehabt, auch zu Regisseuren, und
diese haben im Westen relativ schnell Fuß gefasst, haben sehr schnell
Aufträge bekommen und haben mich dann mitgezerrt und mich den Leuten
vorgestellt. Ich hatte dann schon gleich die Möglichkeit, Filmmusiken zu
machen. Dadurch habe ich die Wende eigentlich im positiven Sinne für mich
bemerkt. Ich hatte also nicht so ein tiefes Loch oder Ausfall, sondern ich
hatte unheimliches Glück, dass ich gleich arbeiten und auch gleich als
Filmkomponist weiterarbeiten konnte.
Hast du aus der Zeit, als du noch in Bands gespielt hast, noch Kontakte
zu anderen Musikern und Produzenten, mit denen du heute noch
zusammenarbeitest?
Ja natürlich. Also erstmal ist es ja so, dass wir uns im Osten fast alle
irgendwie gegenseitig kennen und viel miteinander zu tun haben. Für die
Produktion Ostrock in Klassik hatte ich ja auch wieder mit allen zu tun.
Ich habe mit Ed Swillms, mit Karat, mit allen Leuten hier gesessen und
produziert. Ich hatte auch 2000 noch mal mit Karat zu tun, als sie ihre
Glocke 2000 produziert hatten; ich hatte 1999 mit den Puhdys zu tun, als
sie ihre Best Of gemacht haben, da habe ich einen Titel produziert, hatte
bis 1997 viel mit Frank Schöbel zu tun, habe noch bis heute mit dem
Wolfgang Lippert zu tun, denn ich komponiere schon seit 2000 für die
Störtebecker-Festspiele in Ralswiek, wo ich jedes Jahr fünf Lieder
schreibe; ich habe mit Ingo Politz zu tun, für den arbeite ich manchmal,
und ich habe ein paar Orchester Arrangements für Silbermond gemacht. Ich
habe mit vielen Musikern noch Kontakt. Irgendwie ist es ja so, dass wir
uns alle untereinander kennen und auf die ein oder andere Art miteinander
zu tun haben.
Wenn du die Musik zu einem Kino- oder Fernsehfilm produzierst und
komponierst, wie läuft das ab? Kennst du zu dem Zeitpunkt den Film schon
oder nur das Script?
Das ist nicht so einfach zu sagen, denn das ist sehr unterschiedlich. Es
gibt Filme, da muss man mit dem Script arbeiten, da bekommt man ein
Drehbuch und erfindet Musik, die schon zum Dreh mit verwendet wird. Und
dann gibt es eben Filme, da fängt man erst an zu arbeiten, wenn der Film
fertig ist. Meistens ist es so, dass man unter Zeitdruck arbeitet, weil
die Fertigstellung des Filmes für den Produzenten eine wichtige
Angelegenheit ist, weil die von der Finanzierung abhängig ist. Aber
meistens ist es schon so, dass wenn ich für's Fernsehen arbeite, ich einen
Film bekomme, wenn er schon fertig ist, und ich dann darauf meine Musik
montiere.
Kommt der Auftraggeber da schon mit konkreten Vorstellungen oder kannst
du dich da austoben?
Auch das ist sehr unterschiedlich. Es gibt Auftraggeber, die haben sehr
konkrete Vorstellungen. Da liegt dann meist auch schon eine Template-Musik
bei. Die nenne ich so, weil da dann eben Musik aus anderen großen Filmen
hingelegt, und dann als Ausgangsbasis benutzt wird. Oder es gibt auch
Regisseure, die sagen "Schlag mal was vor", "Mach mal was", und dann kann
ich völlig frei was vorschlagen. Das ist mir natürlich die liebste
Variante.
Wie entstehen solche Filmmusiken? Arbeitest du mit Samples oder mit
echten Musikern?
Bei mir ist das so, dass ich so viel wie möglich versuche, echte Musik zu
machen, da das mit den Samples immer schwierig ist. Die sind einfach doch
ein bisschen tot. Ich selber spiele hier viel Klavier, Gitarre und nehme
sehr viel Percussion selbst auf, und hol mir dann auch noch andere Musiker
dazu, die die Instrumente spielen, die ich nicht spielen kann. Vieles
mache ich auch mit Orchester. Ich habe gerade eine große VW-Werbung
gemacht, wo ich dann natürlich erstmal mit Samples was herstelle, was ich
dem Auftraggeber vorstellen kann, damit er sozusagen eine Vorstellung
davon bekommt, was ich da komponiert habe. Und wenn das dann inhaltlich
abgenommen ist, werden dazu Partituren erstellt und mit dem Filmorchester
- oder welchem Orchester auch immer - aufgenommen. Dann erst wird das
richtig produziert. Das ist natürlich auch immer eine Geld-Frage, weil
diese Produktion natürlich sehr teuer ist.
Wenn du so viele verschiedene Musiker produzierst, dann gibt es doch
sicher auch Differenzen zwischen den Musikern und dir als Produzenten. Wie
gehst du damit um? Oder haben die Musiker bei dir nichts zu meckern?
Natürlich ist das so, denn Musiker sind Individualisten. Individualisten
heißt natürlich immer auch, dass sie eine sehr spezielle Meinung haben und
immer versuchen, sich von anderen Musikern und Künstlern abzusetzen. Die
Kunst des Produzenten besteht nun darin, diese Eigenarten rauszuarbeiten
und sozusagen rauszuschälen. Wenn man das gut hinkriegt, dann ist der
Künstler auch zufrieden. Wenn der Künstler sich allgemein behandelt fühlt,
also sich nicht irgendwie speziell auf seine Stärken hin gefördert fühlt,
dann kommt es natürlich zu Differenzen, dass ist ganz klar. Und manchmal
ist es eben so, dass Künstler sehr offen sind, oder manchmal eben nicht so
sehr offen sind. Ich muss sagen, dass ich bis jetzt mit den Künstlern
immer ganz gut klar gekommen bin, weil ich eben selber Musiker bin und
mich ganz gut in die Stärken, die sie haben, einfühlen kann. Mit Musikern,
mit denen man nicht so gut klar kommt, macht man dann eben das Projekt
fertig und dann sieht man sie nie wieder.
Du produzierst ja auch deine Frau Carmen, die für Kinder auch als
Carmen Hatschi auftritt. Wie ist das, wenn man mit seiner Frau so eng
zusammen arbeitet? Geht man sich da nicht irgendwann auf die Nerven?
Oh, das ist schwer (lacht)... Das ist wahrlich schwer! Ich kenn'
eigentlich keinen, der mit seinem Partner arbeitet und sagt: "das ist
leicht". Natürlich ist das sehr schwierig, weil eben das Private und die
Arbeit sehr schwer zu trennen sind. Das heißt, man muss da sehr sensibel
mit umgehen, teilweise nimmt man dann noch einen Assistenten dazu, oder
jemanden, der einfach mit dabei ist, um einfach bestimmte Spannungen gar
nicht erst aufkommen zu lassen. Aber was soll man tun, wenn man was Gutes
zusammen machen will? Das ist ja das Wollen von beiden, dann muss man sich
halt zusammenreißen für so was.
Was waren deine letzten Projekte, und was steht als nächstes an?
Mein letztes Projekt war eben Ostrock in Klassik, das ist ja sicherlich
bekannt. Dazu ist eine CD und eine DVD erschienen. Die DVD haben wir zu
Weihnachten veröffentlicht; momentan sitze ich seit Januar mit Maschine
und den Puhdys zusammen, um die CD zu produzieren, die zu 40 Jahre Puhdys
erscheinen wird. Dann sind wir jetzt in den Vorbereitungen für Ostrock in
Klassik, ganz klar,... außerdem bin ich in den Vorbereitungen für eine
Tournee mit Günther Fischer. Auch so eine Sache, denn wir haben ja
Filmmusiken gemeinsam gemacht. Jetzt bereiten wir Filmmusiken gemeinsam
vor, die wir dann zur Aufführung bringen wollen. Dann bin ich gerade
dabei, für die Störtebecker Festspiele im Sommer vier neue Lieder zu
schreiben, die über den Sommer dann dort laufen werden. Außerdem habe ich
gerade einen Kinofilm fertig gestellt, der heißt "Schattenwelt", eine
RAF-Geschichte, sozusagen eine RAF-Aufbereitung. Regie macht Connie
Walther. Einen weiteren Film ich gerade fertig gestellt, "Die
Blücherbande". Einen Fernsehfilm. Das ist eine, ich will mal sagen,
Krimikomödie über drei Gauner. Morgen fahre ich nach Gera zum
Kinderfilmfestival, weil ich da einen Film gemacht habe: "Frau Holle".
Also ein ganz klassisches Märchen, womit wir im Wettbewerb sind, und was
ich sehr schön finde. Ja, und dann läuft gerade im Fernsehen von mir die
Serie "Tierärztin Dr. Mertens". Im Sommer wird noch eine andere Serie
laufen, "Die Stein", das ist eine Lehrerin-Serie. Und zum Jahresende kommt
dann auch wieder "Robbie", das ist eine Serie beim ZDF, die auf Rügen
spielt. Das ist erstmal das, was mir so einfällt.
Du scheinst ja ganz schön in Arbeit zu stecken!
Ja, ich hab ne Menge zu tun, so ist es nicht. Langeweile hab ich keine!
Letztes Jahr gab es ja, wie schon erwähnt, Ostrock in Klassik. Dazu
hattest du die Arrangements geschrieben und die CD und DVD produziert.
Aber von wem kam eigentlich die Idee zu solch einem Projekt?
Die Idee dazu kam letztendlich vom Management der Puhdys, das war der
Auslöser. Wir haben ja im Jahr vorher schon mal einen Testballon steigen
lassen, und zwar gab es auf dem Gendarmenmarkt eine Veranstaltung, die
hieß schon "Classic Open Air". Die gibt es jedes Jahr, und dort kam die
Idee: "Okay, lass uns mal die Rockbands zusammen fahren und gucken, wie
die Leute reagieren". Ich hab damals schon die Arrangements für die Puhdys
gemacht, vier oder fünf Lieder, das war ein sehr großes Experiment. Ich
weiß noch, dass damals die Eisbären auf große Ablehnung stießen, als man
vorschlug, den Titel mit Orchester zu machen. Die Veranstalter haben sich
vehement dagegen gewehrt. Ich hab gesagt, "wartet doch erstmal ab, bis das
Arrangement fertig ist und hört es euch doch erstmal an!". Zum Schluss kam
es dann sehr gut an, und diese Veranstaltung lief so erfolgreich, dass wir
uns überlegt haben, im darauf folgenden Jahr mit ein paar Bands und
einigen Einzelkünstlern ein Einzelprojekt auf die Beine zu stellen. Wir
wussten natürlich nicht, dass das so erfolgreich wird, aber die
Gendarmenmarkt-Veranstaltung hat uns einfach großen Mut gemacht, und
letztendlich sind wir dann hingegangen und haben es gemacht. Dazu sollte
dann auch eine CD kommen. Die war natürlich auch ein Risiko, ist aber sehr
erfolgreich gelaufen.
In der Vergangenheit haben sich schon mehrere Künstler an solch einem
Crossover-Projekt mit Orchester versucht, z.B. die Scorpions mit den
Berliner Philharmonikern, die aber auch schon mit dem Babelsberger
Filmorchester zusammen aufgetreten sind. Hast du dich von solchen
Projekten inspirieren lassen?
Ne, eigentlich nicht. Was mich sehr beeindruckt hat, und was ich ganz toll
fand, war eine Doppel-DVD von Metallica und dem San Francisco Symphony
Orchestra unter Michael Nyman. Das war aber schon, bevor ich die Sache auf
dem Gendarmenmarkt gemacht hatte. Die haben eine Sache gemacht, die mich
schwer beeindruckt hat und die ich ganz toll fand. Und dann hab ich aber
trotzdem gedacht, dass man das nicht klassisch machen sollte, sondern dass
man sich die Stücke vornimmt, anguckt und dann versuchen sollte, aus den
Stücken das Beste herauszuholen. Und dazu dann versuchen, ein
Orchesterarrangement zu bauen.
Wie Eingangs erwähnt gibt es dieses Jahr eine Neuauflage von Ostrock in
Klassik mit leicht veränderter Besetzung. Wird es das gleiche Programm wie
letztes Jahr sein, mal abgesehen von IC Falkenberg und Dirk Zöllner?
Da kann ich noch gar nichts zu sagen, das ist noch in der Diskussion. Das
ist noch nicht richtig durch. Wir sind gerade dabei, das Programm zusammen
zu bauen, und da sind wir noch am Überlegen.
Wird es Veränderungen in den Arrangements geben, die sich im Nachhinein
z.B. als praktischer erwiesen haben?
Nein, das glaube ich nicht. Die Arrangements zu den einzelnen Stücken
werden bleiben, weil das ja auch sehr aufwändig ist, da noch was zu
verändern. Das sind ja 70 Musiker, die das spielen. Wenn man die
Arrangements ändert, muss man die von 70 Musikern ändern, und das ist
wahnsinnig aufwändig. Wir haben die Arrangements ja auf der CD, und ich
glaube, dass die Leute auch gerne das hören wollen, was sie von der CD
kennen. Also, wir werden da doch sehr stark dabei bleiben.
Für all diejenigen, die auf eine neue CD zu diesem Projekt warten: Wird
es da was Neues geben?
Dieses Jahr leider nicht. Ich habe ja vorhin mein Arbeitspensum mal kurz
aufgezählt. Das heißt, das wäre nicht zu schaffen, da es ja auch die "40
Jahre Puhdys" gibt, und die Sache sehr viel Zeit beansprucht. Deshalb
haben wir von vornherein gesagt, dass wir dieses Jahr keine neue CD machen
werden. Es ist angedacht, wenn wir mal mehr Material haben, neue Stücke
und vielleicht auch eine neue Band mit rein nehmen, dass man dann wieder
eine CD macht mit neuen Stücken, mit anderen Künstlern, und dass man dann
daran anknüpft. Dann, wenn man 70% neues Material hat. Aber frühestens
nächstes Jahr, dieses Jahr ist das nicht geplant.
Damit sind wir jetzt am Ende, möchtest du noch irgendetwas an unsere
Leser loswerden?
Na ich hoffe, dass ich die ganzen Leser irgendwie alle bei Ostrock in
Klassik sehe!
Dann danke ich dir auch im Namen unserer Leser für deine Zeit und
wünsche alles Gute für Ostrock in Klassik und deine anderen Projekte.
Vielen Dank, und bis spätestens irgendwann.
www.oleak.de
Interview: Nadja Notzke |
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